Zehn Fragen an Sylvio Dahl

Medienunternehmen und Redaktionen stehen regelmäßig vor der Herausforderung, sich weiter zu entwickeln. Einer der wichtigsten Veränderungsprozesse, den Wellenchefs und Redaktionsleiter in ganz vielen Häusern gerade anstoßen, ist der Weg hin zu verstärkt crossmedialem Arbeiten. Da geht es darum, sich neuen Nutzergewohnheiten anzupassen und dafür Arbeitsabläufe und Technik entsprechend zu modernisieren. Und natürlich müssen die Menschen, die künftig so arbeiten sollen, auf ihre neuen Aufgaben gut vorbereitet sein. In dieser Situation ist Unterstützung von außen gefragt, um Bestehendes kritisch zu beleuchten, Impulse zu geben oder Begleiter zu sein bei den ersten Schritten in eine neue Richtung.

Was bringt die ems als Partner ein, wenn sich Redaktionen neu aufstellen wollen?

Ganz viel Erfahrung: In der ems bilden wir seit über zehn Jahren den journalistischen Nachwuchs cross- oder multimedial aus. Und wir haben viele große Projekte begleitet, allesamt letztlich Change Management Prozesse. Das gesammelte Wissen geben wir gerne weiter. Viele dieser Prozesse sind technikgetrieben, doch es geht nie „nur“ um technische Veränderungen, sondern vor allem um redaktionelle Fragen, ums Programm, um die journalistische Arbeit. Genau das ist für uns ein Heimspiel. Da wissen wir genau, wovon wir reden.

Wieso ist das so?

Weil wir selbst aus dem Programm kommen. Wir sind Journalisten. Wenn wir also Redaktionen zum Beispiel unterstützen, neue Workflows zu definieren und einzuüben, können wir uns sehr gut in die Programmkollegen hineinversetzen. Wir verstehen ihre Bedürfnisse, kennen ihre Anliegen, sprechen ihre Sprache. Und die ems-Trainer sind technisch sehr versiert, bringen die Kenntnis mit, wie’s anderenorts gut funktioniert, wissen um gemachte Fehler, die ja nicht unbedingt wiederholt werden müssen.

Bei den meisten Veränderungsprojekten sind neue Techniken und/oder ein Umzug an einen neuen Standort Auslöser für ein komplettes Umdenken, was die Arbeitsweise und die dafür nötigen Werkzeuge angeht. Welche Erfahrungen haben Sie damit gemacht, wenn Sie Projektpartner in durchaus auch stressigen Veränderungsphasen begleiten?

In der Regel sehr, sehr gute, weil wir es fast durchweg mit sehr engagierten und hoch motivierten Leuten zu tun haben, die ihre Redaktion, ihren Sender voran bringen wollen. In den verschiedenen Phasen eines Projekts gibt es aber immer wieder Rückschläge und die Projektverantwortlichen sind extrem gefordert, manchmal überfordert.

Weil die Projekte sehr anspruchsvoll sind oder weil die Zeit dafür zu knapp bemessen ist?

Beides. Dazu kommt: Die Erwartungshaltungen, mit denen sie umgehen müssen, sind hoch und nicht selten widersprüchlich. Dann spielt oft die Technik nicht, wie sie soll. Oder Softwarefirmen schieben sich die Schuld wechselseitig in die Schuhe, wer zum Beispiel seinen Job beim Programmieren einer nötigen Schnittstelle nicht gemacht hat. Umgekehrt sind redaktionelle Wünsche nach eierlegenden Wollmilchsäuen bis heute nicht ausgerottet.

Gibt's noch mehr Knackpunkte, warum ein Projekt nicht läuft, wie es soll?

Oft fangen die Probleme schon damit an, dass die Projektziele nicht klar definiert wurden. Oder weil nicht alle Führungskräfte im Sender, dem Projekt die Bedeutung einräumen, die es braucht, damit es ein Erfolg und keine Investruine wird. Deshalb ist es wichtig, vom Start weg und in den Mühen der Ebenen planvoll, strukturiert und methodisch sauber vorzugehen. Bis hin zur Qualifizierung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für ihre neuen Aufgaben. Bei jedem dieser Schritte kann die ems unterstützen. Und das machen wir ja auch immer wieder mit viel Lob seitens unserer Partner und Auftraggeber - was uns natürlich sehr freut.

Was ist für Sie der erste Schritt in einem Beratungsprozess?

Zuhören, zuhören und nochmal zuhören. Das ist der erste Schritt. Wir wollen uns sehr rasch mit den Leuten vertraut machen, mit ihrer Arbeit: Was machen sie für ein Programm? Wie ist ihr journalistischer Anspruch? Welche Themen sind ihnen wichtig? Wer ist für was zuständig, übernimmt Verantwortung usw.?

Warum ist dieses Verständnis so wichtig, damit der Veränderungsprozess gelingt?

Nur wenn Redakteurinnen und Redakteure spüren, dass wir genau verstehen, was ihnen journalistisch wichtig ist, welches Programm sie zum Beispiel on air bringen, vertrauen sie auch darauf, dass wir sie in eine neue Arbeitswelt qualifiziert begleiten können. Es beruhigt die Skeptiker, ermutigt die Optimisten, wenn alle Beteiligten sehen, dass ihre ems-Trainer sehr genau wissen, was programmlich angesagt und gewünscht ist. Und mit welch hohem Qualitätsanspruch wir als ems selbst zu Werke gehen.

Veränderung birgt ja nicht nur Chancen - nicht immer sind alle Beteiligten gleichermaßen begeistert von dem, was neu kommt. Und selbst beim engagiertesten Team kommt trotz aller Überzeugung hin und wieder Unsicherheit auf. Wie gehen Sie damit um?

Zunächst einmal müssen und wollen wir Ängste und Verunsicherungen wahrnehmen und drüber reden. Es bringt gar nichts, so zu tun, als gäbe es sie nicht. Sie sind auch völlig normal. Dann ist es ganz wichtig, gemeinsam die Vorteile herauszuarbeiten, die eine Veränderung bedeutet - Veränderungen ohne Benefits werden nie angenommen.

Wann haben Sie es in einem Projekt geschafft, dass bei den Mitarbeitern die Vorfreude aus was Neues größer wird, als die Skepsis?

Die Unsicherheiten verlieren im Laufe des Prozesses an Bedeutung, wenn wir die Details der neuen Arbeitsweisen gemeinsam mit den betroffenen Usern entwickeln. Sind sie selbst Handelnde im Veränderungsprozess, haben sie keine Angst nur behandelt zu werden. Außerdem ist es sehr wichtig, allen glaubwürdig das Gefühl zu vermitteln: Ihr werdet bei diesem Veränderungsprozess nicht alleingelassen. Ihr werdet ordentlich unterstützt und könnt Euch drauf verlassen, dass Ihr zum Beispiel auf neue Techniken sehr qualifiziert trainiert werdet.

Jede Redaktion tickt ein bisschen anders. Die Bedürfnisse und Ziele auf die Sie und das ems-Team sich in solchen Projekten einstellen, sind also ganz unterschiedlich. Gibt es trotzdem etwas, das grundsätzlich immer im ems-Projekt-Werkzeugkasten steckt?

Wir kommen von außen, stehen nicht so unter Druck, wie die Verantwortlichen für ein Projekt in einem Sender. Das bedeutet: Wir können gelassener, manchmal realistischer und häufig optimistischer an die Sache rangehen. Das ist ein ganz wichtiger Vorteil. Jedes Projekt hat eine Historie. Da gibt‘s fast immer auch negative Erfahrungen und ein paar Wunden. Wir sind frei davon. Also können wir mit allen Beteiligten offen und vorurteilsfrei über das Projekt und über ihre Interessen reden. Unsere Aufgabe ist es dann u.a., die verschiedenen Interessen zusammenzubringen - in einem Partizipationsprozess mit Augenmaß.

In unserem Werkzeugkasten steckt immer auch viel Kommunikation. Daran mangelt es in den meisten Projekten. Wir schauen auf die Kommunikationsstrategie, wenn es denn schon eine gibt, oder helfen sie zu entwickeln. Wir ermuntern alle Beteiligten, sehr klar, verlässlich und verständlich über alle Facetten des Projekts zu informieren - und dafür zu sorgen, dass diese Kommunikation keine Einbahnstraße ist. Ebenfalls im Werkzeugkasten steckt ein genau auf diese Redaktion, diesen Sender abzustimmendes Schulungskonzept.