„Brüssel ist ein so enger und dichter Kosmos…“

Samuel Jackisch Foto: Jonas Ginter

Unser Absolvent Samuel Jackisch war zwei Jahre Hörfunk-Korrespondent für die ARD in Brüssel und gibt hier einen Einblick in das journalistische Leben von Europas Hauptstadt.

Mit welcher Idee bist du nach Brüssel gegangen?

Wenn man sich für eine Korrespondenten-Stelle interessiert, dann sollte man sich im Vorfeld fragen: Was sind meine Themen, was kann ich der ARD und den Beitragszahlern Gutes tun? Welche Fähigkeiten habe ich, welche Steckenpferde bringe ich mit, wofür brenne ich? Ohne Fokus wird man in Brüssel niemals fertig. Brüssel ist – anders als Stockholm oder Tokio – kein Ort, an dem an dem man als Korrespondent guten Gewissens die Frage beantworten kann: Was ist denn heute so los?

Wie hast du Brüssel erlebt?

Es gibt dieses zutreffende Vorurteil, wie furchtbar diese Stadt verwaltet wird. Das klingt total überheblich und für jemanden der aus Berlin kommt, ist das natürlich dünnes Eis. Aber es trifft leider zu: Ständig streiken Busse, funktionieren Ampeln nicht, geht alles chaotisch durcheinander. Du bekommst Post von drei gleichzeitig zuständigen Ämtern mit widersprüchlichen Informationen, von denen keins hilfreich ist. Und doch liebt jeder Brüsseler seine Stadt. Und man erwischt sich nach zwei Jahren dabei, dass man selbst dieses Chaos vermissen kann. Und das Essen ist sowieso fantastisch.

Was macht das Arbeiten dort besonders?

Es gibt viele starke Charaktere in der Stadt. Viele Alpha-Menschen, mit denen das Arbeiten oft eindrucksvoll ist. Man trifft auf interessante Persönlichkeiten, die quer durch Europa geheiratet haben, gerade noch in Washington oder Neu Delhi stationiert waren und morgen nach Moskau ziehen. Und es gibt tausende hervorragend ausgebildete junge Leute aus der ganzen Welt, die jeden Tag Positionspapiere zu verschiedensten Themen verfassen. Wozu man auch recherchiert, du findest Experten (und vor allem Expertinnen!), die sauber geradeaus formulieren können und heute noch Zeit für dich haben. Das ist paradiesisch für Journalisten.

Schwierig ist die Unübersichtlichkeit: Brüssel ist ein enger, dichter Kosmos von parallel stattfindenden Prozessen. Holt man sich auf der Straße einen Kaffee, kommt einem das Slowakische Pressekorps mit ihrem Präsidenten im Schlepptau entgegen und man hat keine Ahnung, warum die heute da sind. Wahrscheinlich ist es sehr wichtig – aber wir wissen es nicht, weil es völlig unmöglich ist, die Agenda von 27 Mitgliedsstaaten und 10.000 (eingetragenen) Lobbyisten zusammenzufassen. Wer das versucht, hat schon verloren.

Wie war die Zusammenarbeit mit den Institutionen?

Sehr verscheiden: Das Europäische Parlament habe ich als sehr zugänglich erlebt. Die Räume sind offen – es gibt keine abgesperrten Hochsicherheitsbereiche. Außerdem arbeiten dort an die 700 Abgeordnete (jeder mit eigenem Stab), die tendenziell das Gefühl haben, dass sie total weltbewegende Sachen entscheiden, aber nie in der Presse vorkommen – wenn wir ehrlich sind, ist das im Bundestag genau umgekehrt. Die Politiker sind zugänglicher. Eine Anfrage beim Ausschussvorsitzenden „Kann ich jetzt mal vorbeikommen und einen O-Ton holen“ klappt in den meisten Fällen. Außerdem gibt es keinen Fraktionszwang: Abgeordnete sind nicht festgeschraubt in einem Korsett aus Parlaments- und Fraktionsgeschäftsführern, an denen man erst vorbei muss, bevor jemand eine Meinung haben darf. Und schließlich verbringt das Europaparlament sehr viel Zeit damit, selbst Gesetze zu schreiben. In einem Ausschuss werden über Nacht schon mal 12 Leute eingesperrt, die sich am Ende auf einen Entwurf festlegen müssen. In so einer Sitzung kommen schnell 1.500 Änderungsanträge am Text zusammen. Das geht nur, wenn du als Abgeordneter fachlich im Stoff bist. Wer mit Europa-Abgeordneten spricht, hat es in der Regel mit viel Sachverstand zu tun.

Die Kommission ist dagegen ein Verwaltungsapparat. Er funktioniert straff, ist aber entgegen des Klischees sehr transparent. Es gibt täglich um 12 Uhr ein Pressebriefing zu aktuellen Themen. Jede und jeder im Raum – nicht nur ausgewählte, wie bei der Bundespressekonferenz – kann Fragen stellen. Aus einem Heer junger Pressesprecherinnen und Referenten mit sehr dicken Mappen unterm Arm, tritt dann jemand hervor und referiert die Position der Kommission. Dieses Angebot kenne ich nirgendwo sonst. Bei Anfragen, „wie ist die Protokolllage zu XY oder der Sachstand zu YZ“ hört man vielleicht 14 Tage lang nichts, aber dann bekommt man ein Papier mit den gewünschten Informationen. Die Kommission arbeitet langsam und komplex, aber präzise wie ein Uhrwerk.

Der Rat der Mitgliedsstaaten mit ihren Repräsentanten (in unserem Fall das Auswärtige Amt) versteht sich als Diplomatisches Corps: diskret und verschwiegen, mit Hang zur Geheimagentenromantik. Fragen beantworten sie selten präzise und häufig nicht öffentlich – jedenfalls nicht, wenn es wichtig wird. Zum Beispiel wenn es um Deals geht, nach dem Muster „Wir stimmen dem Lobby-Gesetz der Franzosen zu und sie dafür unserem“.

Was nimmst du aus Deiner Zeit in Brüssel mit?

Einen viel breiteren Horizont: Wenn Du als Deutscher auf die EU guckst, dann reden wir häufig von „der EU“, ohne zu begreifen, dass Deutschland ein sehr essenzieller und wirkmächtiger Teil davon ist. Kommt ein Gesetz oder ein Thema nicht voran, dann verkürzen wir Journalisten das gerne auf „Die Franzosen blockieren das“ oder „Die Griechen sind nicht entschlossen genug“. Setzt man sich näher damit auseinander, dann lernt man schnell, dass „die anderen“ für ihre Haltung häufig gute Gründe haben. Dass die Dinge von Tschechien aus betrachtet echt anders aussehen können. Ein Journalist kann in Brüssel lernen, nicht alles nur aus der nationalen Perspektive zu berichten, zu kommentieren und einzuordnen, sondern andere Blickwinkel einzubeziehen.

 

Wie geht es jetzt für Dich weiter, warum bist du vom journalistischen zum strategischen Arbeiten gewechselt?

Während meiner Zeit in Brüssel wurde meine Vorgesetzte Katja Marx beim NDR zur neuen Hörfunkdirektorin gewählt. Sie war schon während meiner Zeit in Washington meine Chefin und hat mich gefragt, ob ich sie als Referent begleite. Der NDR steht vor derselben Aufgabe wie fast alle ARD-Häuser: künftig mit viel weniger Geld auskommen zu müssen und dabei zu definieren, wofür der öffentlich-rechtliche Rundfunk steht. Wie dieser Job in Zukunft aussehen kann und sollte, bei allem technologischem Wandel. Wofür wir als Gesellschaft gerne unseren Rundfunkbeitrag zahlen – mal abgesehen von tollen Berichten aus Brüssel. Diese Fragen treiben mich um, unser Publikum und viele Kolleginnen und Kollegen in Brüssel, Hamburg oder Babelsberg, denen dieser Job genauso am Herzen liegt.

Die ems wünscht alles Gute und viel Erfolg!