Ich werde Ministerinnen interviewen. Koalitionsverhandlungen einordnen. Einmal Korrespondenten-Luft schnuppern - all das schießt mir vor meinem Praktikum durch den Kopf. An meinem ersten Tag im Hauptstadtstudio Anfang Januar dann doch eher Ernüchterung: Berlin ist noch in den Winterferien. Der Jahreswechsel steckt nicht nur den Korrespondentinnen und Korrespondenten eine ganze Woche lang in den Knochen, sondern auch der Politik.

Die Sitzungen des Bundestages sind erst für Mitte Januar geplant, die Sondierungsgespräche zwischen Union und SPD sollten erst eine Woche später stattfinden. Zu Beginn ist - im wahrsten Sinne des Wortes - tote Hose im politischen Berlin.

Ich nutze die Zeit, um mir einige Orte wie das Haus der Bundespressekonferenz anzuschauen. Orte, die ich vor allem aus dem Fernsehen kenne: Die blaue Wand, davor meistens Regierungssprecher Steffen Seibert. Ich bin bei der ersten Regierungspressekonferenz mit dabei, werde aber direkt wieder enttäuscht: Seibert ist im Urlaub.

Termine bei Merkel, Schulz, Steinmeier

Ich gebe nicht auf. Irgendwann müssen sie mir ja begegnen: Martin Schulz, Angela Merkel, ja sogar auf den Bundespräsidenten hoffe ich. Und ich treffe sie tatsächlich: Denn in meiner zweiten Woche stehen plötzlich eine Reihe von Terminen an. Neujahrsempfang im Schloss Bellevue, die Kanzlerin umgibt sich mit einem Haufen von Sternsingern und Martin Schulz erklärt der Presse, warum er Koalitionsverhandlungen mit der Union gut findet.

Die größte Schwierigkeit bei den meisten Terminen ist nicht, an die Menschen heranzukommen, sondern sie überhaupt zu finden. Ich quäle mich durch das Labyrinth des Bundestags. Lange Gänge, viele Gesichter und der von mir so ersehnte Zeitdruck tun ihr übriges, so dass ich schwitzend und keuchend beim Vorsitzenden des Auswärtigen Ausschusses, Norbert Röttgen, ankomme. Was er denn so von den deutsch-amerikanischen Beziehungen halte, will ich von ihm wissen. „Trinken Sie doch erst einmal einen Schluck Wasser“, sagt seine Sekretärin mitleidig.

So lerne ich, Interviews innerhalb weniger Minuten zu führen und dass Politiker auch nur Menschen sind. Auch wenn ich mich selten als Korrespondentin fühle, will ich möglichst professionell wirken. Es soll ja nicht gleich jeder mitbekommen, dass ich eine Anfängerin bin. Ein ganz schönes Dilemma.

Bilanz: Sieben Beiträge und Insider-Eindrücke

Das ARD-Hauptstadtstudio in Berlin
Das ARD-Hauptstadtstudio in Berlin

Bei den meisten Terminen bin ich zusätzlich damit beschäftigt, mein Mikro an einen der beliebten Splitbox-Anschlüssen zu platzieren, ohne dass mein Hinterkopf dabei plötzlich in irgendeinem Kameraschnittbild auftaucht. Das alles natürlich immer mit der nötigen Portion Selbstbewusstsein, um überhaupt an ein Interview heranzukommen. Ganz schön viel Multitasking, das hier von einem verlangt wird.

War ich vor allem früher viel für einen Lokalsender unterwegs, werde ich von Gesprächspartnern jetzt auf einmal viel ernster genommen. Ob das am ARD-Popschutz auf meinem Mikro liegt? Egal, mich macht es auf jeden Fall so mutig, zum Beispiel Cem Özdemir von der Seite anzusprechen und ihn zu fragen, wie er die Debatten im Bundestag in Zeiten der AfD findet. „Es gibt immer ein schwarzes Schaf in der Familie.“ Politische Floskeln gibt es meist gratis mit auf den Weg.

Meine Bilanz nach vier Wochen im Hauptstadtstudio: Sieben Beiträge, fünf Nachrichtenminuten und ein Talk mit einem Jugendsender. Dazu: Noch mehr Eindrücke aus dem Innenleben der deutschen Politik. Ob ich später einmal als Korrespondentin im Hauptstadtstudio arbeiten möchte? Keine Ahnung. Aber den ARD-Popschutz behalte ich lieber vorläufig.