ems-Absolventen Tom Garus und Philipp Katzer
ems-Absolventen Tom Garus und Philipp Katzer
Das "Monster" übernimmt die Macht in der EU – und wir sind live dabei. Mitten in der kontroversesten Personaldebatte seit Jahren in der Brüssel-Blase besuchen erstmals knapp 20 ems-Absolventen die Institutionen der Europäischen Union. Und während sich also Martin Selmayr, der gefürchtete deutsche Kabinettschef von Kommissionschef Jean-Claude Juncker, anschickt, mit einem höchst umstrittenen Manöver zum Generalsekretär der Kommission und damit zum mächtigsten EU-Beamten überhaupt zu werden, sitzen wir als Zuschauer in der ersten Reihe. Und staunen: Wie schön sich doch das EU-Universum um sich selber drehen kann.

 

Die Selmayr-Debatte war eines der Highlights unserer Brüssel-Reise: Erst durften wir in der EU-Kommission beim täglichen Pressebriefing live erleben, wie internationale Journalisten fast eine Stunde lang die Kommissionssprecher mit Fragen zu Selmayrs ungewöhnlich rasanter Beförderung piesacken. Warum wusste kein Kommissar außer Günther Oettinger von der Sache? Und wieso hat alles angeblich nur wenige Minuten gedauert, obwohl es um einen der Top-Jobs in Brüssel geht?

Treffen mit Sprecherin Jean-Claude Junckers

Fragen, die wir hinterher beim Mittagessen einer ganz besonders kundigen Quelle stellen durften: Mina Andreeva, persönliche Sprecherin von Jean-Claude Juncker. Ihre Version der Geschichte war natürlich völlig anders als die vieler Medien. Sie hatte so viel zu erzählen (dazu und zu etlichen weiteren Insider-Themen), dass sie darüber ganz ihr Essen vergaß. Nimmt man dazu, was wir später noch von anderen hohen EU-Beamten erfahren haben – von der Datenschutzverordnung über die Umwelt- bis zur Migrations- und Sicherheitspolitik - blieb hängen, dass sich in Brüssel zwei große Lager gegenüberstehen.

 

Ein EU-Apparat, der sich oft ungerecht behandelt fühlt, und ein Mediencorps, das oft reichlich frustriert um jede klare Aussage seitens der Kommission (und des Europäischen Rates) kämpfen muss. Trotzdem begegnet man sich am Ende des Tages mit Respekt. Und eventuell vor der Frittenbude am Place Jourdan, der besten in ganz Brüssel. Kanzlerin Merkel war schon da, die ems nun auch.

Spaziergang durch Molenbeek - ohne Salafisten

Deutlich entspannter war der Besuch im Europaparlament, wo wir mit Abgeordneten reden konnten. Und u.a. Folgendes gelernt haben: die SPD verpetzt griechische Rechtsextreme, die unerlaubterweise Hakenkreuzfahnen in ihren Büros aufhängen; die CDU meint, Brandenburgs SPD-Regierung habe im Kampf um die Kohle-Fördertöpfe total verkackt; und die europäische Linke zu führen ist wie einen Sack Flöhe zu hüten (sagt die Linke selber).

 

Der geplante Besuch im NATO-Hauptquartier fiel leider aus: Das mächtigste Verteidigungsbündnis der Welt zieht in ein neues Gebäude, es galt Besuchsverbot. Weswegen die NATO dankenswerterweise zu uns kam – und zwar gleich mit zwei Sprechern, von der NATO selbst und von der deutschen NATO-Botschaft. Und weil das nicht cool genug war, quartierten wir uns gleich mal bei der deutschen EU-Botschaft ein, wo uns auch die beiden Sprecher der wohl einflussreichsten diplomatischen Vertretung Brüssels empfingen.

 

Insgesamt also ein durch und durch ergiebiges Programm - das noch versüßt wurde durch die tolle Hotel-Auswahl der Kommission (Dachterrasse mit Blick auf die ganze Stadt und Münz-Sauna!) und einen Spaziergang durch Molenbeek (ohne Salafisten, mit Alkohol). Fazit: Bruxelles, nous reviendrons!