Der Rollberg ruft – Was Heimat in Neukölln bedeutet

CvD Laura Kingston und RvD Marcus Latton bei der Begrüßung

Bei einer ganz besonderen Premiere haben die 16 Volontärinnen und Volontäre des elften Jahrgangs ihren Abschussfilm „Der Rollberg ruft“ vorgestellt. Mitten im Rollbergkiez, zusammen mit ihren Protagonistinnen und Protagonisten und Menschen aus dem Viertel. Ihr größtes Bedenken: Finden sich die Rollberger im Film wieder?

Von Mona Ruzicka

Erfolge sind für Journalist*innen nicht nur hohe Klickzahlen oder anerkennende Worte von anderen Medienmenschen. Es geht nicht immer um die reißerischste Schlagzeile oder die nächste Breaking News. Erfolg ist auch, wenn sich die Menschen, über die wir Beiträge machen, in unserer Arbeit wiedererkennen. Dabei geht es nicht darum, alles in einem guten Licht dastehen zu lassen. Sondern die Realität so abzubilden, wie die Menschen vor Ort sie mit allen Höhen und Tiefen erleben.

Premiere mitten im Rollbergkiez

Mittwoch, 23. Januar 2019: 16 Volontärinnen und Volontäre auf dem Höhepunkt der Nervosität. Wir hatten eingeladen zur öffentlichen Premiere unseres Abschlussfilms „Der Rollberg ruft“. Mitten im Rollbergkiez, im Bürgerzentrum Neukölln. Es war uns ein besonderes Anliegen, den Film dort zu zeigen und darüber zu diskutieren, wo wir im Januar 2019 recherchiert, mit Menschen gesprochen und gedreht haben.

Unser Ergebnis ist ein zwanzig-minütiger, dokumentarischer Heimatfilm über ein Problemviertel. Das Rollbergviertel taucht sonst in den Medien vor allem mit den Schlagwörtern Gewalt, Clans oder Armut auf. Wir wollten eine andere Perspektive einnehmen und zeigen, was es bedeutet, dort Heimat zu finden - ohne die vielen Herausforderungen vor Ort zu beschönigen. Ob uns das gelungen ist? Nach den vielen Wochen voller Überlegungen und Arbeit waren wir ganz schön aufgeregt, uns dem Urteil der Menschen aus dem Rollberg zu stellen.

Das Bürgerzentrum wurde für einen Abend zum Kinosaal umfunktioniert. Wir rückten die Stuhlreihen zurecht, die Popcornmaschine verbreitete einen butterig-süßen Geruch durch den großen Raum. Die Leinwand blieb zunächst schwarz. Der letzte Teil der Gruppe kam erst kurz vor knapp aus Potsdam angebraust, den endlich fertigen Film und mehrere Sicherheitskopien in der Tasche. Sichtbare Erleichterung, die ersten Volos trauten sich, auf das Werk anzustoßen.

Bei letzten Tests an der Technik tröpfelten langsam die ersten Gäste in den Raum. Unsere größte Sorge - dass die rund hundert Plätze leerbleiben könnten und wir das Popcorn alleine essen müssen - erledigte sich schnell. Zahlreiche, und vor allem ganz verschiedene, Menschen aus dem Kiez kamen zur Vorführung, darunter vier unserer fünf Protagonist*innen. Sie waren mindestens genauso aufgeregt wie wir vor ihrem ersten Auftritt auf einer Filmleinwand. Mit jeder Umarmung und jedem herzlichen Hallo stieg die Freude, dass so viele Menschen gekommen waren.

Applaus und Lob für „Der Rollberg ruft“ 

Nach einer kurzen Vorstellung des Projekts hieß es „Film ab“. Noch immer kamen neuen Gäste dazu, die sich an den Rand stellten und zuschauten. Zwanzig Minuten lang blickten unsere Zuschauer*innen gespannt nach vorne und immer wieder huschte ein Lächeln über die Gesichter. Nach dem Abspann lauter Applaus und stolzes Strahlen bei den Volontär*innen.

Nach einigen Danksagungen öffneten wir die Runde mit dem Wunsch, vor allem mit den Menschen aus dem Kiez ins Gespräch zu kommen. Am Anfang traute sich niemand so recht, die Runde zu eröffnen. Doch als die ersten nach dem Mikro griffen und von ihren Eindrücken erzählten, meldeten sich immer mehr Rollbergerinnen und Rollberger. Sie fanden viele lobende Worte, fühlten ihre Heimat angemessen wiedergespiegelt und berichteten von eigenen Erfahrungen. Zwei von Ihnen nutzen den Anlass, um zu erzählen, dass sie sich im Kiez sehr wohl fühlen, sich aber mehr Offenheit und Austausch von der arabischen und türkischen Gemeinschaft im Viertel wünschen.

Die Protagonistin Margot Kessler sagte, dass ihr Umfeld zunächst einige Bedenken hatten, als sie zum Beispiel ihrer Enkelin erzählt habe „dass ich einfach zwei Fremde in meine Wohnung gelassen hab‘ und die jetzt einen Film über mich machen.“ Lautes Gelächter im ganzen Saal, so ging es offenbar einigen, bei denen wir in den letzten Wochen auf der Türschwelle standen. Sie habe es jedoch nicht bereut, sei  zufrieden mit dem Ergebnis. „Der Dreh hat mir wahnsinnig Spaß gemacht und vor allem: ich habe viel gelernt“, sagte Frau Kessler.

Boxtrainer Seyfo bei der Geschenkübergabe

Ein Highlight am Ende von 20 Monaten Volontariat

Auch der Protagonist Peter Herzfeldt, Präventionsbeamter der Polizei im Kiez, kam nach vorn und erzählte, dass er zunächst skeptisch war bei dem ambitionierten Projekt der jungen Journalist*innen. „Meine Erwartungen wurden übertroffen“, sagte Herzfeldt und sorgte für einige erleichterte Gesichter.

Im Anschluss blieben noch zahlreiche Gäste und diskutierten mit uns bei Bier oder Brause über ihre Gedanken zum Film. Auch die ein oder andere kritische Frage kam, besonders zu einer Protagonistin, die im Film nur anonymisiert vorkommt. Zum Abschluss bedankte sich Protagonist und Boxtrainer Seyfeddin Moussa in der kleinen Runde noch herzlich beim ganzen Team für die spannenden und anstrengenden Drehtage und das Endergebnis. Er zauberte als Geschenk für uns eine Kiste mit „Rollberg Box Gym“ Shirts hervor, eine Geste, die die ganze Gruppe sehr berührte. Nun waren wir an der Reihe, uns mit Applaus zu bedanken.

Für uns Volos war es ein besonderes Erlebnis zum Abschluss von drei sehr intensiven Projektwochen und auch zum Ende unserer Ausbildung. Was wir daraus mitnehmen? Dass die besten Geschichten wirklich auf der Straße liegen und intensive Recherche vor Ort belohnt wird.